Internationaler Tag gegen Homo-, Bi-, Inter*- und Trans*phobie 2020

*See english text below*

Heute ist der Internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter*- und Trans*phobie (IDAHOBIT). Da wir uns als Hochschulgruppe für gegenseitiges Verständnis und Toleranz einsetzen, möchten wir heute drei Menschen eine Möglichkeit bieten, die derartige Diskriminierung am eigenen Leib erfahren haben, ihre Erfahrungen zu teilen. Alle Namen wurden von uns geändert.

Achtung, Triggerwarnung! Die folgenden Texte enthalten Passagen, die folgende Inhalte behandeln: LGBTQI*-Feindlichkeit, Angstzustände, Mobbing, Suizid, Morddrohungen, Depression, Essstörungen und Vergewaltigung.

Jacob

Ich bin in einem sehr christlichen familiären Umfeld aufgewachsen. Demnach war Homosexualität kein Thema – im Sinne von „man hat nicht darüber gesprochen“. Wenn denn mal darüber gesprochen wurde, dann meist im Kontext von „der ist aber eine lustige Schwuppe“ oder „aber sowas will man ja nicht“. Schwul-sein war meine ganze Jugend irgendwie verpönt, etwas was man nicht macht und worüber man nicht spricht. Meine christliche Schule hat dabei nicht wirklich geholfen. Mein Coming-out hatte ich dann nach meiner Schulzeit, mit 19 Jahren. Da hatte ich auch meinen ersten festen Freund. Eigentlich sollte die erste Beziehung etwas aufregendes und schönes sein, meine Eltern vermittelten mir jedoch das Gefühl, es wäre eine Katastrophe. Meine Mutter hat angefangen zu heulen und mein Vater hat erstmal die Wohnung verlassen. Später folgten dann Sätze wie „was tust du uns an?“ „denk doch mal an deine Zukunft!“ und „wir hatten doch auch Pläne für dich.“. Ich hab das dann irgendwann nicht mehr ausgehalten und bin „ausgezogen“. Ein richtiger Auszug war es eigentlich nicht, es war vielmehr eine Flucht, von all dem weg um endlich ich selbst zu sein. Ich war quasi frei… weh getan hat es trotzdem. Ich hab das Gefühl unglaublich viel verpasst zu haben, einfach weil ich nicht ich selbst sein konnte. Aus Angst gemobbt zu werden, aus Angst von meiner Familie verstoßen zu werden, aus Angst alleine zu sein – Aus Angst habe ich einfach mitgespielt und nebenbei irgendwie einen Teil meines Lebens verpasst. Das Gefühl, dass irgendwie nachholen zu müssen habe ich zeitweise heute noch.

Inzwischen habe ich kein Problem mehr damit ich selbst zu sein, ich kann mein Leben frei leben und ich habe ein Umfeld welches mich so akzeptiert wie ich bin. Auch mit meiner Familie hat sich nach über einem Jahr alles zum Guten gewendet. Diese Freiheit und Akzeptanz ist leider immer noch keine Selbstverständlichkeit, auch wenn es das sein sollte, und ich bin sehr dankbar dafür, dass ich so ein „Glück“ habe.

Max

Ich wusste eigentlich schon relativ früh in meinem Leben, dass ich queer bin und das war zumindest in meiner nahen Familie nie ein Problem. Ich war anders als die anderen Jungs, in meinem Verhalten, in meinen Hobbies und in meinen Wünschen. Im Nachhinein hat mir meine Mutter erzählt, dass mein Vater (zu dem ich die meiste Zeit meines Lebens keinen Kontakt hatte) versucht hatte, mich mit Werkzeugspielzeug und Automodellen „normal“ zu machen, was aber natürlich nicht funktionierte und direkt unterbunden wurde. Obwohl ich in einem recht progressiven und toleranten Haushalt groß geworden bin, hat mich leider niemand darauf vorbereiten können, was mich in der Gesellschaft erwartet. Als ich in der Grundschule meinen ersten Schwarm hatte, hat sich das verbreitet wie ein Lauffeuer. Mobbing, Ausgrenzung, Ächtung waren Alltag in meiner Schulzeit. Ich hatte nie wirklich Freunde, in der Schule wie auch auf den Straßen wurden mir Beleidigungen hinterher gerufen, Gewalt angedroht. Ich wurde oft bestohlen und oft habe ich meine Sachen in der Schultoilette, oder den Müll wiedergefunden. Das war auch die Zeit, in der ich meine psychischen Krankheiten entwickelte und zu einem Problemfall für Schulpsychologen und Sozialarbeiter wurde. Die meiste Zeit in meiner Jugend wollte ich sterben, weil ich das Gefühl hatte, ein Alien zu sein und niemals eine Daseinsberechtigung verdient zu haben. Hätte ich nicht meine Familie gehabt, weiß ich nicht, ob ich jetzt noch hier wäre. Als ich meine Schule wechseln musste, weil es einfach nicht mehr so weitergehen konnte, habe ich meine Homosexualität versteckt, bis ich 17 war und genug Selbstbewusstsein entwickelt hatte, um mich zu wehren. Das war das erste Mal, dass ich wirklich glücklich war.

Ansonsten besteht natürlich immer noch die allgemeine Homophobie in unserer Gesellschaft. Abfällige Blicke, wenn ich die Hand eines Mannes halte. Ab und an wurde ich sogar angesprochen und beleidigt von fremden Personen. Auch politisch gibt es sehr viel Feindlichkeit. Wie oft ich lesen musste, dass meine Liebe keine echte Liebe wäre, dass Homosexualität eine Krankheit wäre und dass wir mindere Menschen wären im Vergleich zu heterosexuellen Menschen… Ich hab das alles so oft gehört, dass ich fast schon abgestumpft bin. Ich denke mir oft einfach nur noch: Wow, das ist ja mal was ganz Neues. Ich bin aktivistisch, aber ich erwische mich oft dabei, wie ich nicht die Kraft finde, mich damit auseinander zu setzen. Weil es oft einfach viel zu viel ist. Unsere Gesellschaft hat in den letzten Jahren schon viele Fortschritte gemacht, aber all der Hass und all die Feindlichkeit, die man so erlebt – Das verfolgt dich. Das ganze Leben lang. Daher fällt es mir schwer, für irgendetwas dankbar zu sein, wenn ich sehe, dass trotzdem immer noch queere Jugendliche fürs Leben traumatisiert werden und immer noch so viel Diskriminierung herrscht.

Lena

Heute ist der internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter*- und Trans*phobie und natürlich könnte ich unzählige Situationen nennen, in denen mir Homophobie im Alltag begegnet. Jeden Tag. Situationen, in denen ich angegriffen, beleidigt und bespuckt werde, in denen ich höre, wie Menschen sich wünschen, ich wäre tot. Situationen, in denen man mir sagt, ich sollte keine Kinder bekommen, nicht, dass die auch noch so werden. In denen ich meine Beziehung verschweige, weil ich nicht weiß, wie Menschen reagieren, in denen ich generell jedes Mal, wenn ich jemanden kennen lerne, ein neues Coming-out habe. Situationen im Urlaub, in denen ich Angst habe, jemanden zu fragen, ein Bild von mir und meiner Freundin zu machen. In denen Menschen überrascht sind, dass Rauswurf aus dem Elternhaus und Suizid so überproportional häufige Themen in der LGBTQI*-Community sind. Situationen, in denen ich gesagt bekomme, wie ich nur mal vergewaltigt werden müsste, dass ich schon wieder normal bin.

Aber ich möchte darüber reden, wie du denkst, dass du nicht homophob bist. Wie du denkst, dass du frei von jeglicher Homofeindlichkeit bist, obwohl du mir doch jeden Tag das Gegenteil beweist.

Wie du mir sagst, dass ich gar nicht aussehe wie eine Lesbe. Wie du Künstler*innen unterstützt, die offen queerfeindlich sind, aber die Texte wären ja so gut. Wie du einen homophoben Freund hast, aber dich wunderst, warum ich dich nicht besuchen möchte. Wie du und deine Freunde schwul als Beleidigung benutzen, weil du denkst, es wäre egal. Wie du mich als deine Gallionsfigur für deinen Homo-Support benutzt, weil ich weiß genug, dünn genug, langhaarig genug und heteronormativ genug für dich bin. Wie du „queer“ benutzt, weil dir „LGBTQI*“ zu umständlich ist. Wie du Lesbenpornos guckst, aber Schwule eklig findest. Wie du deinen schwulen besten Freund wie ein Accessoire behandelst, aber nicht wie einen Menschen. Wie du Schwule voll süß findest, aber es voll seltsam, wenn eine Frau dich anspricht im Club. Wie du zum CSD gehst, weil es so eine coole Party ist, aber vergisst, dass wir für unsere Menschenrechte demonstrieren. Wie du nicht mal weißt, was die Christopher Street eigentlich ist. Wie du Drag Queens super lustig findest, aber am IDAHOBIT den Mund nicht aufbekommst. Wie du mich nach dem Grund fragst, wenn ich von queerfeindlichen Angriffen erzähle, als gäbe es eine Erklärung dafür. Wie du mich erwartungsvoll ansiehst, wenn ein*e Professor*in queerfeindlich wird, aber selbst nichts sagst. Wie du beleidigt bist, wenn du auf meine Party nicht mitkommen darfst, weil du nicht verstehst, dass es ein queerer Safe Space ist. Wie du mir Links zu den Regenbogen-Kollektionen großer Modeunternehmen schickst, und vergisst, dass sie von meiner Unterdrückung profitieren. Wie du denkst, dass es kaum queere Menschen gibt, aber die ganzen Morde und den Hass vergisst. Wie du Schwuchtel sagst, was oft das letzte Wort ist, dass wir hören, bevor wir umgebracht werden. Wie du all das siehst und nichts sagst.

International Day against Homo-, Bi-, Inter*- and Trans*phobia 2020

Today is the International Day Against Homo-, Bi-, Inter*- and Trans*phobia (IDAHOBIT). Since we, as university group are standing up for mutual understanding and tolerance, we want to give three people the chance to share their experiences, who have experienced such discrimination. All names were changed by us.

Triggerwarning! The following texts contain parts, that are dealing with the following issues: LGBTQI*phobia, anxiety, bullying, suicide, death threats, depression, eating disorders and rape.

Jacob

I grew up in a very Christian surrounding. So, homosexuality was not a topic – in terms of “you didn’t speak about it”. If it was talked about, then with sentences like “he is such a funny poof” or “but you really wouldn’t want that”. Being gay was kind of frowned upon through-out my teenage years, something nobody is doing, and nobody is talking about. My Christian school did not really help with that. I then had my coming-out afterwards at 19. That was when I had my first boyfriend. Usually the first relationship should be something exciting and wonderful, but my parents made me feel like it was a catastrophe. My mother started crying and my father left the apartment. Later, there were statements like “What are you doing to us?”, “You need to think of your future!” and “We had plans for you, as well.”. At some point I could not handle it anymore and “moved out”. It was not a real move, it was more of a taking flight away from all of that to finally be myself. I was kind of free… but still, it hurt. I have a feeling, of having missed a lot, only because I could not be my real me. Afraid of being bullied, afraid to be disowned by my family, afraid to be alone – Out of fear I played along and by that somehow missed out on a part of my life. The feeling of having to make that up, is still occurring from time to time.

Now, I do not have a problem anymore with being myself. I can live my life as I wish to and I have people around me, who are accepting me, the way I am. The situation with my family, after a year, turned out good, as well. This freedom and acceptance can unfortunately still not be taken for granted, even if it should be by now, and I am very thankful I was so “lucky”.

Max

I somehow knew from an early age, that I am queer and that was, at least for my closest family not a problem. I was different than the other boys, in the way I acted, the things I liked and my wishes and dreams. My mother told me, that my father (with whom I didn’t have contact for the longest time of my life) tried to make “normal” with tool-toys and model cars, which of course didn’t work and was immediately stopped. Even though I grew up in a very progressive and tolerant home, nobody could prepare me for what I was going to face in society. When I had my first crush in primary school, word got around extremely fast. Bullying, exclusion, ostracism were everyday life during my school time. I never really had friends, in school as well as on the street, insults were shouted at me, even violence threats. I was often stolen from and many times, found my belongings in the school toilet or the trash. That was the time when my mental illnesses developed, and I became a problem case for educational psychologists and social workers. Most time of my youth I wanted to die, because I felt like an alien, never deserving a right to live. If I would not have had my family, I do not know, if I would still be here. When I had to change schools because I just could not handle it anymore, I hid my homosexuality until I was 17 and self-assured enough to stand up for myself. That was the first time, I was genuinely happy.

Otherwise, there is still the general homophobia in our society. Disparaging looks when I am holding the hand of a man. From time to time strangers would even address or insult me. Politically, there are lots of hate, too. I read very often, that my love was no real love, homosexuality being an illness and that we are people of minor class, compared to heterosexual people… I heard this so much, that now, I am almost insensitive. Most of the time I am just sarcastically thinking: Wow, that is really something new. I am an activist, but often I find myself, not having the energy to have a critical look at it. Because it is often far too much. Our society made big steps in the past few years, but all the hate and all the hostility that you are facing – That is haunting you. Your whole life. That is why it is hard, to be thankful for anything, when I see, that still queer teenagers are traumatised for life and discrimination is everywhere.

Lena

Today is the international day against homo-, bi-, inter*- and trans*phobia and of course, I could name countless situations in which I encounter homophobia in my everyday life. Every day. Situations in which I am attacked, insulted, and spat on, in which I hear people wishing I were dead. Situations in which I am told I should not have children, not that they will become like that too. In which I keep my relationship a secret because I don’t know how people react, in which I generally have a new coming out every time I meet someone. Situations on vacation, where I am afraid to ask someone to take a picture of me and my girlfriend. In which people are surprised that being kicked out of their parental home and suicide are such disproportionately frequent topics in the LGBTQI+ community. Situations in which I get told how I only have to get raped to be normal again.

But I want to talk about how you think you are not homophobic. How you think you’re free from all homophobia although you prove me wrong every day.

The way you tell me I don’t look like a lesbian. The way you support artists who are openly queer hostile, but their lyrics are just so good. The way you have a homophobic boyfriend, but you wonder why I don’t want to visit you. The way you and your friends use gay as an insult because you think it doesn’t matter. The way you use me as your figurehead for your homo-support because I’m white enough, thin enough, longhaired enough, and heteronormative enough for you. The way you use „queer“ because „LGBTQI“ is too cumbersome for you. The way you watch lesbian porn but think gays are disgusting. The way you treat your gay best friend like an accessory but not a human being. The way you think that gay men are cute, but it’s weird when a woman approaches you at the club. The way you go to a pride parade because it’s such a cool party, but forget that we’re demonstrating for our basic human rights. The way you don’t even know what Stonewall is. The way you think drag queens are super fun, but you can’t speak up at IDAHOBIT. The way you ask me the reason when I talk about queer attacks as if there was an explanation for it. The way you look at me expectantly when a professor becomes queer-hostile but you don‘t say anything yourself. The way you get offended when you can’t come to my party because you don’t understand that it’s a queer safe space. The way you send me links to the rainbow collections of big fashion companies and forget that they profit from my oppression. The way you think queer people are rare, but forget all the murder and hate. The way you say faggot, which is often the last word we hear before we are killed. The way you see all this and don’t say anything.

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